Neuro...was ?

Neurodivers – oder was?

Kein Fehler im System, sondern ein anderes Betriebssystem.

Mal ehrlich, hast du in letzter Zeit auch das Gefühl, dass alle Welt plötzlich "neurodivergent" ist?

Auf Social Media diagnostizieren sich Leute im Minutentakt selbst, und man fragt sich: Ist das ein Trend? War das früher nicht einfach der "Zappelphilipp" in der Klasse oder der kauzige Onkel, der stundenlang nur über Eisenbahnen reden wollte?

 

Die Antwort ist: Jein. Es ist kein Trend, aber wir haben endlich bessere Worte dafür, dass nicht alle Köpfe gleich ticken.

Und das ist gut so. Denn wenn wir alle gleich denken würden, säßen wir wahrscheinlich immer noch in Höhlen und würden darüber diskutieren, wer heute den Müll rausbringt.

 

Neuro… was?

Neurodivergenz. Klingt nach einer seltenen Tropenkrankheit oder einer neuen Netflix-Sci-Fi-Serie. Ist aber eigentlich ganz simpel.

Stell dir vor, die meisten Gehirne auf der Welt werden mit dem Betriebssystem "Windows Standard" ausgeliefert. Das nennen wir neurotypisch. Es funktioniert solide, kommt mit dem Alltag klar, stürzt ab und zu bei der Steuererklärung ab, aber im Großen und Ganzen macht es, was es soll.

Und dann gibt es die anderen. Die Neurodivergenten.

Deren Gehirne laufen nicht auf Windows Standard. Die laufen auf Spezial-Software (Linux, macOS oder etwas ganz Eigenes).

Das ist keine "kaputte" Version von Windows. Es ist einfach ein komplett anderes Betriebssystem. Und genau hier wird es spannend (und manchmal anstrengend).

Die üblichen Verdächtigen: Eine Typologie

Neurodivergenz ist der große Dachbegriff für diese Spezial-Betriebssysteme. Schauen wir uns die bekanntesten Varianten mal durch eine (nicht ganz so ernste) Brille an:

1. Das ADHS-Gehirn: Der Ferrari mit Fahrradbremsen

Das ADHS-Gehirn ist ein Hochleistungsrechner. Es hat permanent 45 Browser-Tabs gleichzeitig offen. In einem Tab läuft laute Musik, im anderen wird die Weltformel gelöst, und im dritten fragt es sich, ob Pinguine eigentlich Knie haben.

Superkraft: Kann sich in Windeseile für neue Dinge begeistern und in Krisen hyper-fokussiert arbeiten, wenn alle anderen Panik schieben.

Herausforderung: Vergisst, wo der Autoschlüssel ist, während es den Schlüssel in der Hand hält. Routineaufgaben wie "Spülmaschine ausräumen" fühlen sich an wie eine Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffgerät.

2. Das autistische Gehirn (ASS): Der Spezial-Algorithmus

Dieses Betriebssystem liebt Klarheit, Logik und Muster. Es sieht Details, die anderen komplett entgehen.

Vorurteil-Alarm: Oft heißt es, Autisten seien gefühlskalt oder hätten keine Empathie. Totaler Quatsch. Die Wahrheit ist oft das Gegenteil: Viele spüren so intensiv und ungefiltert, dass sie sich schützen müssen, um nicht überflutet zu werden. Sie zeigen Gefühle vielleicht anders, aber sie sind definitiv da (und oft riesengroß).

Superkraft: Kann sich unfassbar tief in Spezialthemen eingraben und findet Lösungen, die weit außerhalb der "Box" liegen. Ehrlichkeit ist hier keine Floskel, sondern Werkseinstellung.

Herausforderung: Smalltalk ("Schönes Wetter heute, oder?") erzeugt oft eine Fehlermeldung – Error 404: Relevanz nicht gefunden. Und vage Ansagen wie "Mach das mal bald" sind der Endgegner.

3. AuDHD: Der Hardrocker und der Bibliothekar in einer WG

Was passiert, wenn man Punkt 1 (ADHS) und Punkt 2 (Autismus) kombiniert? Man bekommt AuDHD (Autismus + ADHS). Das ist kein seltener Einzelfall, sondern kommt ziemlich oft im Doppelpack vor.

Der innere Konflikt: Stell dir vor, du sitzt in einem Auto. Dein ADHS-Fuß tritt voll aufs Gas ("Neues erleben! Action! Chaos!"), während dein autistischer Fuß voll auf der Bremse steht ("Sicherheit! Routine! Bloß keine Veränderung!").

Superkraft: Wenn sich die beiden einig sind, bist du unschlagbar: Du hast die Kreativität des ADHS und die strukturierte Umsetzungsstärke des Autismus.

Herausforderung: Du brauchst Routine, um dich sicher zu fühlen, aber sobald du eine Routine hast, langweilt sie dich zu Tode. Es ist ein lebenslanger Kompromiss zwischen "Ich will raus!" und "Ich will meine Ruhe!".

4. Hochsensibilität (HSP): Das "Einstiegs-Label"

HSP ist so etwas wie der "Vorbote" der Neurodivergenz. Wichtig zu wissen: Hochsensibilität ist keine medizinische Diagnose, die du beim Arzt bekommst. Es ist ein Persönlichkeitsmerkmal.

Der Clou: Viele Menschen (besonders Frauen), die sich jahrelang als "hochsensibel" bezeichnet haben, stellen später fest: "Hoppla, das ist ja gar nicht 'nur' Sensibilität, das ist eigentlich ein gut getarntes ADHS oder Autismus."

Das Gefühl: Das Gehirn hat keinen Spam-Filter. Das Kratzen des Wollpullis, das Ticken der Uhr, die schlechte Laune des Kollegen – alles kommt ungefiltert rein.

Superkraft: Du hast ein Radar für Stimmungen. Du merkst, dass im Meeting dicke Luft herrscht, noch bevor jemand den Mund aufgemacht hat.

Herausforderung: Die Welt ist oft einfach zu laut, zu hell und zu schnell. Dein System ist schneller überreizt als das von anderen.

Und warum sollte dich das interessieren (ob als Chef oder Kollege)?

Vielleicht denkst du jetzt: "Puh, klingt anstrengend. Bleib ich lieber bei meinem Windows-Team."

Klar, du kannst ein Team nur aus Standard-Rechnern zusammenstellen. Das läuft stabil. Aber wenn du Innovation brauchst, wenn du jemanden suchst, der den Fehler im System findet, den seit zehn Jahren niemand gesehen hat – dann brauchst du die Spezial-Betriebssysteme.

Neurodivergenz ist wie Biodiversität in der Natur. Ein Wald, in dem nur Fichten stehen, ist langweilig und anfällig für Schädlinge. Ein Mischwald ist resilient, wild und lebendig.

Die Herausforderung ist nicht das neurodivergente Gehirn. Die Herausforderung ist oft, dass wir versuchen, die Linux-Rechner mit Windows-Handbüchern zu bedienen. Das frustriert alle Beteiligten.

Ob du dich jetzt selbst in den "offenen Tabs" wiedererkennst oder ob du einen Kollegen hast, der nie zum Feierabend-Bier kommt, aber die genialsten Excel-Tabellen baut: Ein wenig gegenseitiges Verständnis kann uns allen helfen.

Neurodivergenz ist keine Entschuldigung für unangemessenes Verhalten, sondern eine Erklärung für individuelle Verhaltensweisen und Bedürfnisse.

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